Körperkult im Sommer

Und Schwups ist schon wieder Sommer – jedes Jahr geht es mir aufs Neue so, ich rechne eigentlich nie damit, dass es nochmal warm wird und dann, Peng. Ich bin immer zu spät dran. Alle Sandalen sind in meiner Größe schon ausverkauft, die Haare sind zu lang und ich habe noch keinen neuen Bikini, ganz zu schweigen von der passenden Figur dazu. Ich glaube, oder rede es mir zumindest ein, dass es vielen Frauen so geht. Aber letztendlich bin ich dann doch immer froh, wenn der Sommer da ist. Ich stehe morgens einfach viel lieber auf, wenn die Sonne scheint, schreibe gerne im Garten und die bunte Vielfalt im Supermarkt inspiriert mich immer wieder zu neuen Ideen und Rezept-Kreationen. Aber der Sommer hat nun mal auch Schattenseiten. Ich bin immer wieder überrascht und auch enttäuscht von mir selber, dass ich mich das ein oder anderen Mal dann doch bei dem Gedanken erwische – jetzt noch schnell ein paar Kilos weniger und ein bisschen mehr Power-Work-Out und dann trau ich mich auch mal im Bikini vor die Tür. Ich meine mal im Ernst, den Rest des Jahres bin ich mit mir zufrieden, aber sobald der Sommer vor der Tür steht zählt auf einmal nur noch das Fettpölsterchen am Bauch, der Bräunungsgrad meiner Haut und die Beschaffenheit meines Bindegewebes. Mein Herzmann hält mich dann immer für komplett bescheuert. Und er hat natürlich Recht.

Maschsee 1

Was ist nur los mit uns, dass wir uns immer wieder an Äußerlichkeiten messen? Warum ist es jedes Jahr aufs Neue wichtig, dass die Kollegin im Sommerkleid mit Urlaubsbräune umwerfend und eine Freundin mit Hüftknochen schlanker aussieht als wir? Wieso lassen wir es immer wieder zu, dass andere Menschen definieren, wer wir sind, oder wer wir glauben zu sein. Nichts und Niemand – kein Kleid, kein Bikini, kein Kommentar aus dem Büro oder Web und kein Mann – definiert wer wir sind. Das liegt allein in unserer Hand. Trotzdem mutieren wir ab Juli zu Smoothie-Experten, Weizengras-Züchtern und Dinner-Canceling-Spezialisten. Wahrscheinlich können wir aber nicht einmal viel dafür, denn an allen Kiosken und auf jeder Website gibt es um diese Jahreszeit nur ein Thema – die perfekte Sommerfigur. Obstsalat, grüner Salat, Quinoa-Salat. Ausfallschritt, Nordic Walking, Power-Plate. Wir schwitzen bei 33 Grad im Fitnessstudio, nur damit wir das danach auch auf unserem Instagram-Account mit einer Handvoll anderen Verrückten teilen können. Geht’s noch? Sonst immer die Gesundheitsfanatiker vom Dienst, die predigen man soll sich selbst lieben und essen was man will, es dann aber nicht schaffen mal einen Tag das Work-Out sausen zu lassen? Hört sich für mich nicht gerade gesund an. Wenn ich mich entspannen will und mir dafür mal einen Ausflug auf die Gala-Internetseite gönne (ich weiß, hoffnungslos weiblich und gar nicht intellektuell), dann ploppen an der Seite automatisch Anzeigen auf: „Die perfekte Bikinifigur in 3 Tagen“, oder „Jetzt eine Woche Detox“. Also liebe Gala oder sonstige Monster: ich möchte keine perfekte Bikinifigur, sondern mal den perfekten Bikini für meine Figur finden. Es gibt nämlich Menschen die sind klein, schlank und haben trotzdem große Brüste. Wie schaffe ich das denn in drei Tagen?! Gar nicht so einfach! Und eine Woche Detox bringt mir außer Hunger und dem Jojo-Effekt vielleicht auch noch Durchfall. Klar macht das kurzfristig schlank, aber mir dann unseren kurzen Sommer mit sowas vermiesen? Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand sagt, hey da bin ich auf einer Hochzeit eingeladen und will an dem Tag in meinem Kleid gut aussehen – mach ich vorher drei Tage ein Cleanse. Kein Thema, wirklich. Aber ich weiß dann ja auch, dass ich genau für diesen Tag vielleicht 2 Kilo leichter bin. Aber nicht für den ganzen Sommer. Ein besserer Vorschlag wäre doch mal sowas wie: „Fang jetzt an für die Sommerfigur im nächsten Jahr zu arbeiten, oder lass es und heul dann nicht wieder rum, weil du das ganze Jahr zu faul warst“. Wir verdrängen es immer und sind dann enttäuscht, dass es in drei Tagen halt nicht so richtig klappt. Aber das muss es doch auch gar nicht, solange wir uns wohl fühlen.

Maschsee 2

Und warum ist immer dieser Hass dabei. Hasskomentare so weit der Finger scrollen kann – jetzt werden schon nicht mehr nur füllige Frauen beleidigt, sondern schlanke gleich mit, weil sie zu schlank sind. Wir können nun mal nicht alle gleich aussehen, genau das lieben wir doch auch. Wo sonst Individualität so groß geschrieben wird, kommt im Sommer der Neid. Es gibt Menschen, die sind von Natur aus schlank. Es gibt Menschen, die dafür jeden Tag 2 Stunden trainieren müssen. Manche sind groß. Und manche eben nicht. Dafür hat niemand eine Beleidigung verdient. Am schlimmsten finde ich es immer, wenn dann direkt darunter eine Anzeige von Paarship oder Elite-Partner kommt. Das klingt dann ungefähr so, als müsste ich erst schlank sein, um den perfekten Mann zu finden und erst dann, bin ich dickes Wesen es erst würdig weiter auf diesem Planeten zu wandeln. Wer es so sehen will, dem ist der Sommer eh schon vermiest. Wir anderen wissen es (hoffentlich) besser. Wir müssen uns nicht verbiegen und quälen um perfekt zu sein, schon gar nicht für jemand anderen oder um ein Kleid zu passen. Lasst uns aufhören, uns ständig mit anderen Frauen zu vergleichen und uns lieber dazu entscheiden, uns diesen Sommer zu verlieben –  und zwar in uns selbst.

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